Brandenburg ist Bio-Land Nr. 1

Geschrieben von Christin Meißner

Dank der kulinarischen Seite mit gut bestückten Hofläden, der Präsens auf regionalen Märkten oder der Frei-Haus-Bestellung über Online-Shops sind Brandenburgs Öko-Höfe längst touristische Anlaufpunkte geworden. Foto: Hof Apfeltraum

Foto: Hof Apfeltraum

Zwischen Prignitz und Niederlausitz, zwischen Fläming und Uckermark wirtschaften auf rund 136.000 Hektar fast 700 Betriebe nach ökologisch verträglichen Richtlinien. Damit besitzt das Bundesland den größten Anteil an Biofläche und ist deutschlandweiter Spitzenreiter.

Und die Auswahl an Produkten ist groß. Gezüchtet und artgerecht gehalten werden Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe, hinzukommen fremdländische Rassen wie Galloway- oder schottische Highland-Rinder. Auch das Angebot an heimischem Obst und Gemüse in Bio-Qualität ist so bunt wie der FarbkreisJe nach Jahreszeit wächst hier alles von A wie Apfel bis Z wie Zwiebel. Dabei zählt vor allem der Geschmack und nicht so sehr die perfekte Form. Wie in der Natur gewachsen, darf eine Möhre ruhig krumm sein und eine Birne muss keine Bilderbuch-Maße besitzen.

Auch dank der kulinarischen Seite mit gut bestückten Hofläden, der Präsens auf regionalen Märkten oder der Frei-Haus-Bestellung über Online-Shops sind Brandenburgs Öko-Höfe längst touristische Anlaufpunkte geworden. Hoffeste und -führungen gehören vielerorts ebenso dazu wie Tiere streicheln und füttern für Kinder oder Kurse im „Kuh-Flüstern“ für gestresste Großstädter. Im Folgenden ein paar ökologisch einwandfreie Ausflugstipps, die auf einer „Bio-Tour“ durch Brandenburg keinesfalls fehlen sollten.

Bio-Imkerei Bienen-Schulze: Selchow

Bienen gehörten schon immer zum Leben von Martin Perschke, denn das Imkerhandwerk blickt in seiner Familie auf eine 86-jährige Tradition zurück. Damals, 1925, stellte Urgroßvater Wilhelm Schulze die ersten Bienenstöcke auf dem Hof in Selchow auf. Später führten Perschkes Großvater und Vater die Imkerei hobbymäßig weiter. Das Wissen wanderte von Generation zu Generation und ist noch heute Grundlage der Imkerei „Bienen-Schulze“, die der 31-Jährige seit 2004 in nunmehr vierter Generation als eigenen Betrieb leitet.
Dabei unterscheidet sich der hier produzierte Honig grundlegend vom konventionellen Supermarkt-Honig, denn Perschke wirtschaftet streng nach den Richtlinien des Anbauverbands Bioland. Das fängt bei den „Bienenwohnungen“ an und hört bei der Verarbeitung auf. So leben seine 120 Bienenvölker in Beuten aus Holz und bei den Waben – Orte zur Aufzucht der Larven sowie zur Lagerung von Pollen und Honig – wird konsequent auf die natürliche Reinheit des Wachses wertgelegt, die sich unmittelbar auf die Reinheit des Honigs auswirkt. Daher werden ältere Waben regelmäßig entfernt und synthetischer Wachs ist ebenso verboten wie der Einsatz von Kunststoff für den Wabenbau.

Auch wo die Bienen den Nektar sammeln, ist für die Bio-Qualität des süßen Brotaufstrichs von großer Bedeutung. Da die Insekten bis heute größtenteils Wildtiere geblieben sind, können Imker deren Flug zwar kaum steuern, dennoch versucht Perschke möglichst natürliche, ökologisch bewirtschaftete Flächen als Standorte für seine Bienenstöcke auszuwählen. Ein großes Glück ist da die Lage des Hofes inmitten der Märkischen Heide und die Nähe zur Naturlandschaft Große Schauener Seen, die unter dem Schutz der Heinz Sielmann Stiftung steht.
Um eine hohe Sortenreinheit zu gewährleisten, wird der Honig nach der jeweiligen Blüte umgehend kalt geschleudert und auch im Anschluss daran nicht künstlich wärmebehandelt. So bleiben die feinen Aromen und empfindlichen Enzyme erhalten und es entstehen je nach Jahres- und Blütezeit ganz unterschiedliche Geschmacksrichtungen: im Frühling der cremige, mild schmeckende Rapshonig, später der flüssige, helle bis gold-gelbe Akazienhonig, im Sommer der aromatische Kornblumenhonig und danach der geleeartige, würzige Heidehonig.
Diese und andere Sorten können vor Ort im Hofladen oder aber über das Internet bestellt werden. Wer sich näher für Bienenzucht und Honigherstellung interessiert, kann zudem an Führungen teilnehmen.

Hof Apfeltraum: Eggersdorf

Zu DDR-Zeiten bewirtschaftete die LPG „Zur aufgehenden Sonne“ die Gebäude und landwirtschaftlichen Flächen am Ortsrand von Eggersdorf, einer kleinen Gemeinde etwa fünfzig Kilometer östlich von Berlin. Das nach der Wende weitverbreitete Schicksal Verfall oder gar Abriss blieb dem Hof glücklicherweise erspart. 1992 kaufte ein Ehepaar das Gelände, stellte es auf ökologischen Landbau um und rettete somit die Sonne, jetzt „Hof Apfeltraum“ genannt, vorm Untergehen. Heute lebt und arbeitet hier eine Kerntruppe von acht Mitarbeitern, in der Saison sind es bis zu zwanzig.

Auch Jakob Ganten verschlug es gleich nach seinem Ökolandbau-Studium auf den Bio-Bauernhof. Erst als Praktikant, später wechselte er zum Demeter-Bund Berlin-Brandenburg, der hier vor Ort seinen Sitz hat. Seine Frau lebt wie er auf dem Hof, arbeitet nebenberuflich in der Imkerei. Wenn der 36-Jährige spricht, spürt man in jeder Silbe Leidenschaft für die ökologische Sache. In dem Fall eine biologisch-dynamische Landwirtschaft nach Demeter-Prinzipien. Bereits in den 1920er Jahren im Zuge der Lebensreformbewegung entstanden, setzt man dabei noch heute auf ein gesundes Zusammenspiel von Menschen, Tieren, Pflanzen, Erde und Kosmos. Und geht dabei vielfach weiter als die EG-Bio-Verordnung: Alle Tiere bekommen zu 100 Prozent Bio­futter, die Anzahl an Masttieren pro Hektar ist deutlich geringer, organische Handelsdünger wie Knochenmehl oder Guano sind ebenso verboten wie der Zusatz von vermeintlich „natürlichen Aromen“ und das Enthornen der Kühe, laut Demeter ein entscheidender Faktor für die Milchqualität.

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland 2011