Durchs Mecklenburger Outback

Geschrieben von Robert Tremmel

 

Zwischenhalt am Drewitzer See nahe der Gemeinde Alt Schwerin, er ist 4,6 Kilometer lang und bis zu 2 Kilometer breit.

Foto: Christin Drühl

Gänsetrupps ziehen als schnatternde Pfeilformation gen Süden. Aromatischer Pilzgeruch steigt aus den Moosteppichen der Kiefernwälder. Das Röhren der Hirschbullen dringt bis in die Dörfer. Der mecklenburgische Herbst betritt die Bühne.

Der Mitarbeiter der Tourismusauskunft in Waren nimmt eine Fahrradkarte aus dem Prospektständer. Gemeinsam wird die Radstrecke zwischen Waren und Krakow am See gesucht. „Hier lang“, zeigt der Mann im bordeauxroten Polohemd auf einen grünen Flecken in der Karte. „Sehr viel Natur. Sehr schön.“, kommentiert er.
Über dem handtellergroßen Gebiet auf der Karte steht in großen Buchstaben „Schwinzer Heide“. Mitten durch führt der 55 Kilometer lange Teil des Fernradwegs Berlin—Kopenhagen. Bis nach Krakow gibt es kaum Ortschaften. Sogar Straßen und Wege sind spärlich. „Was gibt es dort Besonderes?“, fragt der Gast. Eine Kollegin vom Nachbarschalter ist jetzt auch  interessiert und blickt herüber. Auch sie würde wohl gern hören, welches Geheimnis es dort zu lüften gibt, zehn Kilometer nördlich von Waren. Eine Terra incognita – fremdes Land, selbst für den Fremdenservice.

Das waldeinsame Niemandsreich im Hinterland der Müritz. „Sehr viel Natur. Sehr schön.“ Die wenigen Worte sind wie ein Versprechen auf ein Abenteuer. Zwei Tage, eine 130 Kilometerrunde. Immerhin beruhigend, dass ein paar Dorfschenken auf dem Weg durch das dichte Grün liegen.

Jabel gegen Kogel bei Röbel

Beeilung ist geboten. Bis 15 Uhr muss die erste Teiletappe nach Damerow überwunden sein. In dem Dorf, eine knappe Radelstunde von Waren entfernt, werden die Wisente gefüttert. Den zottigen Urrindern, die um ein Haar in den 1950er Jahren ausgestorben wären, kommt man hier zum Greifen nahe. Von kleinen Tribünen aus beobachten die Gäste, wie sich die Herde aus dem Wald der Futterstelle nähert. Tagsüber durchstreifen die 35 kräftigen Tiere das Dickicht ihrer Halbinsel, dem Damerower Werder. Das 320 Hektar große Reservat existiert seit 1957 zwischen Kölpinsee und Jabeler See.

„Wir füttern die Herde nur, damit unsere Gäste etwas zu gucken haben“, sagt der Tierpfleger vom Wisentreservat nach der Fütterung. „Die finden in der Natur ja eigentlich genug.“ Familien und Rentner schauen über das Gatter und beobachten die Rangfolge in der Herde. Der Angst einflößende Bulle kommt als Erster an seinen Trog. An sechs weiteren Behältern postieren sich die nächst Stärkeren. Ganz zum Schluss trottet eine Kuh mit drei Kälbern im Schlepptau zu der Stelle, wo jeden Tag Wasser und Schrot verteilt werden. Der Wärter erklärt: „Im Winter holen wir die Wisente rein. Die Biester hauen sonst übers Eis ab.“ Seelenruhig widmet sich der Mann nach der Verteilung des Futters aus seinem Eimer, den Fragen aller Gäste.

Unterwegs im Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide. Seine Fläche beträgt 365 Quadratkilometer, knapp zwei Drittel davon bestehen aus Wald. Den schönsten und seltensten Blick auf die Herde gewinnt, wer sich im Morgengrauen aufmacht, erklärt ein Dorfbewohner aus Jabel, dem nächsten Dorf. Dazu muss man mit einem Kanu in die Nähe des schilffreichen Ufers paddeln. Im aufsteigenden Nebel kommen die Tiere zum Saufen. Eine unerhörte Beobachtung – beinahe „Sielmann-sublim“. In Jabel stehen sich eine Backsteinkirche und der geklinkerte Pfarrhof gegenüber. Ernst Reuter, der Plattdeutsch-Dichter, machte hier fünf Wochen Urlaub und besang Land und Leute. Seit damals scheint das Land in Dornröschenschlaf gesunken.

Mehr los ist auf dem Bolzplatz. Auf der Terrasse des Gasthauses Quisana hat man einen Logensitz. Tore fallen am laufenden Band. Es gibt Pflaumenkuchen. Selbst gebacken, das schmeckt man. Auch das Spiel unterhält köstlich. Der SSV Jabel empfängt an diesem Samstagnachmittag den SG Traktor Kogel, Kreisliga Mecklenburgische Seenplatte. Die Gäste führen 4:2, spielen aber mit einem Mann weniger. Jabel verkürzt. Noch 15 Minuten. Beide Trainer sind aus dem Häuschen. Wo liegt dieses Kogel eigentlich? „Bei Röbel“, erklärt die Wirtin. Auf der anderen Seite des Sportplatzes kreuzt eine Segelyacht. Zumindest die Lage des Stadions ist Champions League. Den Gastgebern hilft das nicht. Jabel verliert knapp geben Kogel bei Röbel.

Verführerische Pilze

Hinter dem Ortsschild verlässt der Fernradweg das erste Mal den Asphalt. Auf großen Holzbohlen am Wegesrand steht „Naturpark Schwinzer/Nossentiner Heide“. Das unbekannte Grün auf der Karte ist erreicht. Schon nach wenigen Kilometern hat sich die Spur der Berlin-Kopenhagen-Markierung verloren. Verfahren. Sandiger Weg und dunkler, dichter Mischwald. Hierhin zieht man, um das Gruseln zu lernen. Schnell ist der Navigations­fehler entdeckt, dank der in Waren gekauften Karte. Einfach weiterfahren, durch tiefen Wald in harz-schwangerer Luft. Die Nebenwege, das ist mehr als beruhigend, sind erstaunlich gut mit Wegweisern gekennzeichnet.
Am sogenannten Bergsee verändert sich der verwunschene in einen zauberhaften Märchenwald. Auf einem Baumstumpf im Wasser will man stundenlang auf den Schwan warten, der zum anderen Ufer trägt. Doch es kommt nur die Dunkelheit und es heißt wieder Beeilung.

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland 2011