Ein blaues Band durch grüne Auen

Geschrieben von Sebastian Kühl
Am Wasserwanderrastplatz Jungfernsteig machen wir das Boot fest und starten nach Werder. Foto: Sebastian Kühl
 

Auf einer Radtour von Brandenburg nach Werder zeigt sich Naturliebhabern die Havel von ihrer schönsten Seite.

Voller Tatendrang erwachen wir in den Kojen unseres Boots. Sicher vertäut liegt es am Wasserwanderrastplatz Jungfernsteig in Brandenburg an der Havel. Gestern haben wir die Stadt, die auch als Wiege der Mark bekannt ist, ausgiebig während eines Stadtrundgangs erkundet.

Vom Boot aufs Rad

 

Heute wollen wir uns das Kontrastprogramm zum städtischen Leben gönnen und nach der Schönheit der Stadt, die Schönheit der havelländischen Natur erleben. Mit unseren Fahrrädern, die wir immer an Bord haben, wollen wir nach Werder radeln, immer an der Havel entlang. Ein Radweg, der die beiden Havelstädte verbinden soll, ist schon lange in Planung. Der Förderverein Mittlere Havel e.V. bemüht sich seit Jahren um die Entwicklung des Gebiets zwischen Brandenburg und Werder. Dazu zählt auch der Bau eines ansprechenden Radwegs. Wie wir hörten, ist der geplante Weg aber alles andere als fertig. Da wir abenteuerlustige Radler sind, wollen wir dennoch die Route entlang des „blauen Bandes“, wie die Havel von den Einheimischen auch genannt wird, wagen. Ausgestattet mit einer detaillierten Radwanderkarte muss es uns doch gelingen, das für sein Kirschblütenfest berühmte Werder entlang des Flusses per Drahtesel zu erreichen. Um Punkt 8.45 Uhr sind wir startbereit. Über uns breitet sich ein blauer Augusthimmel aus, eine leichte Brise, die nach Sommer riecht, weht uns entgegen. Über die Siedlung Neuschmerzke verlassen wir auf einem Radweg neben der B 1 Brandenburg Richtung Osten. In Wust kehren wir der Bundesstraße den Rücken und biegen in das kleine Dorf ein, um hier nach einem Weg an die Havel zu suchen. Der helle Klang eines Schmiedehammers lässt uns an einem Gehöft innehalten. „Kunstschmiede“ steht an der weißen Fassade, ein Schild zeigt Amboss und Hammer. Hier ist der Schmied Wolf Bartling zuhause.

„Meine Tür steht Interessierten immer offen“, empfängt uns der Handwerker, der lange Zeit in Südafrika lebte, bevor er an der Havel eine neue Heimat fand. Gern lassen wir uns von ihm durch seine Werkstatt führen und bewundern gigantische Kronleuchter, filigrane Grabkreuze und sogar echte Ritterschwerter. Er sei schon immer sehr an Geschichte interessiert gewesen, erzählt uns Wolf Bartling. Die Schwerter, die er uns zeigt, sind echten Vorbildern nachempfunden. Auf Mittelaltermärkten kommen sie in Schaukämpfen zum Einsatz. Gern zeigt uns der Schmied in seiner Werkstatt, wie er rot glühendem, rohen Material mit geschickten Schlägen neue Formen gibt. Nachdem wir ihm eine Weile bei seiner spannenden Arbeit zugesehen haben, machen wir uns wieder auf den Weg. Doch nicht nur die Kunstschmiede ist einen Zwischenstopp wert. Das kleine Wust hat erstaunlich viel zu bieten. So auch in der Wuster Straße 75, in der Einwohner des Haveldorfs ein eigenes kleines Museum aufgebaut haben. In einer gewaltigen Scheune zeigt die Landwirtfamilie Liere interessierten Touristen ihre Sammlung bäuerlicher Geräte und Werkzeuge. In der 100 Jahre alten Scheune stehen Leiterwagen und Kutschen neben Pflügen und Fischereiutensilien. In einem weiteren Gebäude des Hofs befindet sich eine außergewöhnliche Dokumentation über das Leben der Familie Liere. Kleidungsstücke, Urkunden, Alltagsgegenstände und Fotos illustrieren die 300 Jahre, in denen die Bauernfamilie in Wust ansässig ist. Nach dem virtuellen Ausflug in die Geschichte setzen wir unsere Fahrt fort. Doch wie wir erkennen müssen, führt uns von Wust kein gutwillig zu befahrender Weg ans Wasser. Erst von Gollwitz aus nähern wir uns wieder dem blauen Band. Zuvor umrunden wir das Gollwitzer Gutsschloss, das in einem traurigen Zustand ist und noch auf seine Wiedererweckung wartet. Umso schöner zeigt sich die Natur des Gutsparks, die mit ihrem saftigen Grün einen starken Kontrast zu dem Haus bildet, das alten Zeiten nachzutrauern scheint.

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