Anfänger an Bord

Geschrieben von Christin Meißner

 

Drei Tage ein eigenes Bord-Café

Eine führerscheinfreie Drei-Tages-Tour durch die Rheinsberger und Zechliner Gewässer. Als Kind war der kleine Teich gleich hinter unserem Haus mein Lieblingsplatz. Am Küchentisch faltete ich zusammen mit meiner Mutter kleine Papierboote, trug sie später stolz und vorsichtig ans Ufer und ließ sie behutsam ins Wasser gleiten.

In meiner Fantasie stellte ich mir vor, wohin ich mit ihnen fahren würde. Dabei weite Wasserflächen sehen, die sich ständig wandelnden Ufer beobachten und festmachen, wo es mir gefiel. Traumhaft war auch die Vorstellung, abends in der Koje zu liegen und begleitet vom sanften Schaukeln des Bootes in den Schlaf hinüberzugleiten.

All diese Kindheitserinnerungen kamen mir wieder in den Sinn, als ich am Steg von Cardinal Boating Holidays in Fürstenberg stand. Denn zusammen mit vier Freunden sollte ich gleich zum ersten Hausbooturlaub meines Lebens aufbrechen. Fünf Berliner Landratten, deren Bootswissen sich auf gelegentliche Sonntagsausflüge mit Fahrgastschiffen auf der Spree beschränkte. Und obwohl Abenteuerlust und Vorfreude dominierten, flößte uns der Anblick der 13 Meter langen Europa 600 doch einigen Respekt ein und es herrschte allgemeiner Unglaube darüber, dass wir das Schiff auch heil durch die kommenden drei Tage manövrieren würden. Bugstrahlruder? Webleinstek? Wenden? Anlegen? Schleusen? Keiner von uns hatte auch nur die leiseste Ahnung und so erschienen uns Kollisionen mit anderen Schiffen und „Mann-über-Bord“ als nicht ganz unwahrscheinliche Szenarien.

Vor dem ersten Ablegen: Theorie und Praxis

Umso hilfreicher war da die dreistündige Einweisung – vom zukünftigen „Käpt’n“ der Crew mit besonderer Aufmerksamkeit zu durchlaufen und Voraussetzung für den Erhalt der Charterbescheinigung. Ähnlich wie in der Fahrschule beschäftigt sich der Theorie-Unterricht mit Verkehrsregeln und -zeichen, mit Schallzeichen und dem Verhalten beim Schleusen. Danach ging es für den praktischen Teil zum ersten Mal an Bord. Geduldig und ohne das Gefühl zu vermitteln, „dumme“ Fragen zu beantworten, erklärte uns Service-Mitarbeiter Enrico alles rund um die Handhabung des Bootes. Motor starten und stoppen, Vorwärts- und Rückwärtsfahren wurden bei einer kleinen Probefahrt ebenso geübt wie das Aufstoppen oder Wenden auf engem Raum. Nicht alles klappte gleich auf Anhieb, denn ein Boot reagiert viel langsamer als ein Auto. Eben mal anhalten geht nicht. Vor allem das Anlegen mit dem Heck zum Kai brauchte mehrere Anläufe und erinnerte doch sehr an die ersten kläglichen Einparkversuche meiner Fahrschulzeit. „Dann heißt es Ruhe bewahren und einfach nochmal von vorne anfangen“, bemerkte Enrico aufmunternd in Richtung unserer leicht skeptischen Gesichter. Gemeinschaftlich ging es dann noch an das korrekte Belegen der Klampe und Befestigen der Fender – dann wurde uns mit Übergabe der Charterbescheinigung Seetauglichkeit attestiert.

Eine Schleuse zum Auftakt

Warten auf den Schleusengang.Nun hieß es: Gepäck in den Kojen und Lebensmittel in der Pantry verstauen. Und dabei bewundern, welcher Komfort sich unter Deck so versteckt. Drei Kojen für jeweils zwei Personen, dazu drei Badezimmer, ein Wohnbereich mit Sitzecke und Media-Center sowie eine kleine Küche, in der wirklich an alles gedacht wurde – von der Kaffemaschine bis hin zum Eierpiekser. Das schöne Wetter ließ uns jedoch nicht allzu lange trödeln und so wurde bei spätnachmittäglichem Sonnenschein der Motor angeworfen und in Richtung der Rheinsberger Gewässer abgelegt.
Zunächst ging es hinein in die recht schmale, von dichten Laubwäldern umrahmte Steinhavel. Für uns Fahranfänger eine erste Bewährungsprobe, vor allem, wenn sich von weitem Gegenverkehr ankündigte. „Da passen wir doch niemals vorbei!“, war die einheitliche Meinung an Bord. Die Breite des Bootes noch nicht wirklich im Gefühl, hieß es dann, die Geschwindigkeit herunterschrauben und langsam vorbeigleiten.
Mit der Schleuse Steinhavel folgte auch lückenlos Bewährungsprobe Nr. 2. Besonders im Sommer ist an der Schleuse eine Menge Betrieb und längere Wartezeiten müssen eingerechnet werden. Auch wir hatten etwas Pech: Zuerst war der Gegenverkehr an der Reihe, danach beanspruchte ein Fahrgastschiff die fast 42 Meter lange Schleusenkammer für sich. Dann war es jedoch soweit, die Ampel wechselte auf grün und wir manövrierten uns – auch noch als erste! – langsam und vorsichtig in die nur 5,3 Meter breite Schleusenkammer. Um sicher zu gehen, warnten wir den Wärter auch gleich vor, dass dies unser Premieren-Schleusengang sei. Er half uns, an der Wand festzumachen und wenig später floss auch schon Wasser in den engen Schlauch und hob uns auf ein 1,6 Meter höheres Niveau. Leichter als gedacht. Als sich die Schleusentore wieder öffneten und sich die Steinhavel idyllisch mäandernd durch die Landschaft zog, fühlte ich, wie die bisherige Anspannung allmählich wich.

Baden und Ankern in freier Natur

Jeder darf mal  Käpt'n sein – dank Charterbescheinigung.Hinter Steinförde änderte sich die Landschaft. See reihte sich an See, immer wieder unterbrochen durch die Havel und verschiedene lauschige Kanäle. So ging es schon bald in den Ellbogensee – ein Gewässer, das den Namen wohl seiner z-förmig geschwungenen Gestalt verdankt. Kaum andere Boote waren hier unterwegs, nur vereinzelt saßen Angler in ihren kleinen Nussschalen. Sonst, so weit man blicken konnte: mit Schilf bewachsene Ufer und Wasser, auf dem die Abendsonne schimmerte. Eine perfekte Kulisse, um die bootseigene Badeplattform einzuweihen. Also schnell den Anker geworfen, Badesachen angezogen und ohne viel Federlesen rein ins kühle Nass.
An der Schleuse Strasen kamen wir mit dem letzten Schwung des Tages noch durch und erreichten kurz dahinter den Großen Pälitzsee. Wieder ein langgezogenes Gewässer, buchtenreich geschwungen und umgeben von dichten Wäldern und Schilfgürteln. Wir beschlossen, den See bis zu seinem Südzipfel zu überqueren und uns dort einen Ankerplatz für die Nacht zu suchen. Auf dem Herd köchelnte mittlerweile schon ein herzhaftes Chili, tauchte das ganze Boot in einen herrlichen Duft und schürte den Hunger. Also schnell in der gemütlichen Essecke Platz genommen, vor uns die dampfenden Teller und im Hintergrund Elvis Presley, der leise aus den Boxen der Anlage tönte. Noch nie hatte ein so einfaches Essen so gut geschmeckt.

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland 2011

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