Es muss nicht immer Müritz sein

Geschrieben von Holger Weist

 

Vom Mirower Kirchturm aus öffnet sich der Blick über die Seenplatte mit ihren typischen Bootshäusern.

Eine Woche Bootstörn zwischen Rheinsberg, Fürstenberg und Neustrelitz. Unterwegs in der Mecklenburgischen Kleinseenplatte.

So funktioniert Entschleunigung: Ausfahrt Neuruppin Nord von der Autobahn und Richtung Rheinsberg übers Brandenburger Land. Die Getreidefelder stehen gut im Korn, die spätsommerliche Sonne lässt den gelben Schimmer der Ähren bereits erahnen und kontrastiert leuchtend zum noch satten Grün der Alleebäume.
Jeden Winkel unseres Wagens haben wir als Stauraum bestmöglich genutzt, und mit vier Personen an Bord ist der Golf bis zum letzten Platz gefüllt. Aber wer eine Bootsreise unternimmt, will gewappnet sein: Sonnencreme und Luftmatratze, Bücher und Badesachen, Bordmusik und Bohnenkaffee.

„Helena“ wartet

Kurz nachdem wir das beschauliche Rheinsberg auf Kopfsteinpflasterwegen durchquert haben, biegen wir links ab, ein Stückchen Kiefernwald und das Hafendorf Rheinsberg liegen vor uns. Hier wartet die schöne „Helena“ schwimmend auf uns. Natürlich handelt es sich nicht um die schönste Dame Trojas. Unsere Helena ist 11,50 Meter lang und knapp vier Meter breit, sie ist eine stolze Motoryacht Marke Advantage 38 aus dem Hause De Drait. Christian Halbeck und Alexander Schwabe von der Firma Lanke Charter winken bereits vom Kai und heißen uns herzlich willkommen.
Einladen und Einsteigen wird hier einfach gemacht: Wir parken direkt am Heck des Schiffes und gehen gemeinsam mit den beiden an Bord. Nicht nur die Herzen der Männer gewinnt Helena im Sturm, auch unsere mitreisenden Damen sind hellauf begeistert: die geschwungene Badeleiter und die gepolsterte Sitzbank am Heck, der übersichtliche Steuerstand auf dem Oberdeck – alles vermittelt einen gediegenen Eindruck und macht Lust auf erholsamen Bootsurlaub. Unter Deck zeichnet sich die Advantage 38 durch handwerklich perfekte Teakholzvertäfelung und wohnliches Ambiente aus. Die komplette Ausstattung in Salon, Küche und den drei Kabinen mit zwei Bädern versteht sich dabei wohl von selbst. Sofort fühlt sich die vierköpfige Besatzung heimisch und richtet sich nach ausführlicher Einweisung durch Christian Halbeck in Schiff und Revier nebst Probefahrt häuslich an Bord ein – wir sind angekommen!
Der weitere Plan des Tages ist schnell ausgemacht: Zum Vorrätebunkern nach Rheinsberg – es gibt mehrere Supermärkte und Bäcker im Ort – und dann mit einer Flasche Lübzer auf dem Oberdeck das Hafendorfambiente auf sich wirken lassen, während der Abend langsam die Bordwand hinaufklettert.
Auf dem Nachbarschiff hat eine reine Männercrew Einzug gehalten. Für die gemeinsame Tour wurden extra einheitliche T-Shirts bedruckt – weiße Schrift auf grünem Grund: „Hobby Tour 2009“. Schnell wissen wir, woher die Besatzung stammt, denn als erstes Utensil wird der Schiffsausstattung eine mobile Kölschzapfanlage hinzugefügt, die schnell die erste Runde dieser regionalen Bierspezialität füllt.

Mit großen Plänen

So sitzen wir – Köln und Berlin in trauter Nachbarschaft – an Bord unserer Schiffe und verfolgen, wie das Rot der Sonne das lichte Laub der Erlen durchbricht und ein Schattenspiel auf Deck und Wasser wirft. Ruhe kehrt ein – Urlaub, wir kommen.
Eine Seefahrt macht bekanntlich hungrig, und dem wollen wir natürlich präventiv begegnen. Daher genehmigen wir uns am nächsten Morgen nicht nur aus Genussgründen ein opulentes Frühstücksbuffet im IFA Hotel des Hafendorfs. Gesättigt und mit großen Plänen stechen wir schließlich in See.
Ich gebe ja zu, es ist nicht das erste Mal, dass wir hier per Schiff unterwegs sind. Tatsächlich ist der Bootsurlaub auf den Flüssen, Seen und Kanälen in Brandenburg und Mecklenburg uns seit einigen Jahren zur lieben Gewohnheit geworden. Seitdem für diese ausgewiesenen Wasserwege kein Bootsführerschein mehr benötigt wird, stehen maritime Entdeckungstouren jedermann offen – für mich die beste Form der Erholung.
Schnittig bahnt sich der Bug der „Helena“ seinen Weg durch den Rheinsberger See. Noch gestern früh umtoste uns das Treiben der Hauptstadt. Keine zwei Autostunden nördlich plätschern die Fluten sanft am grünen Ufer: „Hier tobt das Idyll!“

Schlemm-Routine

Im Hüttenkanal passieren wir die Marina Wolfsbruch und begegnen der ersten Schleuse. Gern erinnere ich mich an den Tag, als wir das erste Mal solch ein Wasserbauwerk durchfahren sollten. Inzwischen ist die damalige Aufregung konzentrierter Routine gewichen. Jedes Crewmitglied kennt seinen Platz und die Aufgabe, so ist das Schleusen kein Problem. Am linken Ufer zieht das Örtchen Kleinzerlang vorbei, doch schon bald weitet sich das Wasser ,und wir setzen Kurs gen Nord-Ost über den Kleinen Pälitzsee.

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland 2010