Alt Ruppiner Korsofahrt

Geschrieben von Claudia Goldberg

Bis zu 12.000 Schaulustige besuchen das Spektakel in Alt-Ruppin. Foto: Henry Mundt

Tradition modern verpackt – der jährliche Bootskorso in Alt-Ruppin lockt seit 86 Jahren Besucher an die Rhinufer.

Als sich vor 100 Jahren die Berliner zur Sommerfrische nach Alt-Ruppin begaben, wollten die Ortsansässigen ihren städtischen Besuchern etwas bieten. Das Tor zur Ruppiner Schweiz, wie der damalige Luftkurort bezeichnet wurde, hatte schließlich seinen Titel als beliebtes Ausflugsziel zu verteidigen. Einige fi ndige Bewohner bauten Rindenschiffchen, die sie mit kleinen Lichtern versahen und den Rhin hinabschippern ließen. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich mit der Zeit eine gepflegte Tradition: Viele Boote und das Ufer entlang des Rhin wurden für die Besucher geschmückt.

Bereits seit 86 Jahren manifestiert sich dieser Brauch im sogenannten Bootskorso, der alljährlich am ersten Sonnabend im August in Alt-Ruppin stattfindet. Bis zu 150 Boote, zum Teil aufwendig ausstaffiert und beleuchtet, fahren nachts vom Ruppiner See aus eine etwa 800 Meter lange Strecke entlang des Rhins ab. Der bunte Korso wird vom Ufer aus bejubelt und kommentiert, ein unabhängiges Jury-Boot bewertet fachmännisch die dargebotenen Themen. Dabei gilt es, das schönste Gefährt und ebenso das schönste Ufer zu bestimmen.

Am Nachmittag vor dem Ereignis, während ein Volksfest mit Musik, Kinderschminken und Kleintierzoo stattfi ndet, ziehen sich die Korsoteilnehmer auf ihre Grundstücke zurück und verraten nicht einmal ihren Nachbar, mit welchem Thema sie antreten werden. „Bereits eine Woche vorher beginnt diese Geheimniskrämerei um die Motive“, erklärt Traugott Kuhnt, Vorsitzender des Korsofahrtvereins Alt Ruppin e. V. Dieses Verhalten zeigten die Ruppiner schon zu DDR-Zeiten. Damals lag die Organisation des Bootskorsos in den Händen der Stadtverwaltung. Manch einer nutzte das Spektakel, um den real existierenden Sozialismus zu feiern und daraus einen Staatsakt zu machen, für andere wiederum war es ein willkommenes Fest, um die alte Tradition weiterleben zu lassen. Eigeninitiative zeigten die Ruppiner mit der Gründung des Korsofahrtvereins 1993, reflektiert Traugott Kuhnt die Entwicklung.

Hinter Traugott Kuhnts Gartenhecke war Kuhnts Tochter Luise gerade dabei, letzte Arbeiten an den riesigen Pappkulissen für das Ufer auszuführen, das getreu der Stadt Springfield aus der bekannten Vorabendserie „Die Simpsons“ in Szene gesetzt wurde. Als die 20-Jährige jünger war, drehte sich auf ihrem Boot alles um Märchen oder Lucky Luke, bis sie sich schließlich kritisch dem Ärztestreik oder dem Thema Gentechnik zuwandte, was ihr zusammen mit ihren Mitstreitern im Vorjahr den ersten Platz für das schönste Boot bescherte.

Um 21.30 waren alle Ufer geschmückt und die Gefährte setzten sich in Bewegung. Luises Truppe bekam den zweiten Platz für das beste Ufer, gleich nach „Asterix und Obelix“. Bei den Booten machte „Alt Ruppins next top model“ das Rennen. Die Männer der Freiwilligen Feuerwehr präsentierten dazu die aktuelle Damenmode auf ihrem Boots-Laufsteg. Neben der Korsofahrt um die Alt-Ruppiner Halbinsel wurde den Besuchern ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm bis in die frühen Morgenstunden geboten – spanische Gitarrenklänge, Rap oder Popmusik der 70er bis 90er Jahre wechselten einander ab. Durch das Programm führte Thomas Wohlfahrt aus der Sendung „Starsearch“. Für den Bootskorso in diesem Jahr hat Ingo Oschmann, der Sat-1-Moderator und Comedian, sein Kommen zugesichert.

Wenn Sie erfahren möchten, wie eine hundert Jahre währende Tradition heutzutage als rauschende Abendveranstaltung begangen wird, dann sollten Sie den Bootskorso in Alt-Ruppin keinesfalls verpassen. Bootsliebhaber halten den Fotoapparat parat!

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland 2008