Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Geschrieben von Katja Mollenhauer

Neue Klänge in altem Gemäuer: Deutschlands erste Hörspielkirche. Foto: Hörspielkirche Federow

Deutschlands erste Hörspielkirche am Rande des Müritz-Nationalparks ist ein voller Erfolg. Federow entwickelt sich zu einem Treffpunkt für Touristen und Einheimische.

Federow, ein kleines, beschauliches Dorf in der Nähe von Waren, hat sich zu einem der attraktivsten Touristenziele der Region gemausert. Hier kommen Naturliebhaber und Radfahrer gleichermaßen auf ihre Kosten. Für Radtouristen des Müritz Radrundwegs und des Fernradwegs Berlin-Kopenhagen ist der 130-Seelen-Ort ein beliebter Rastplatz, und das Informationshaus des National-parks hat von allen Informationshäusern des Parks die meisten Besucher zu verzeichnen. Kein Wunder, denn hier kann man dem Fischadler direkt ins Nest schauen. Eine Kamera auf einem nahe gelegenen Hochspannungsmast macht die Live-Übertragung direkt vom Adlerhorst möglich.

Neues Leben im alten Gebäude

Seit 2005 gibt es eine weitere Attraktion im Ort: die erste Hörspielkirche Deutschlands. Das ist eine 700 Jahre alte Feldsteinkirche, die dank eines noch nie da gewesenen Nutzungskonzeptes wieder zu neuem Leben erweckt wurde. Als öffentlicher Aufführungsort für Hörspiele in den Sommermonaten hat der verwaiste Sakralbau eine neue Bestimmung gefunden, die von vielen Federow-Besuchern gern angenommen wird. In der ersten Saison lockte die Hörspielkirche knapp 2.000 Gäste. In der zweiten Saison kamen bereits 8.000 Zuhörer. In jenem Jahr wurde der Hörspielkirche eine besondere Ehre zuteil. Das Gotteshaus gehörte zu den Ausgezeichneten der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“, die anlässlich der Fußball-WM in Deutschland 365 „Orte und Ideen“ auswählte, die das Land als zukunftsfähig und weltoffen präsentierten. Das ganze Dorf war damals stolz auf diese Ehrung, vor allem aber die Initiatoren Pastor Leif Rother aus Waren, der das Federower Gotteshaus betreut, und der Architekt Jens Franke aus Potsdam.

Pastor Rother hatte schon vor zwölf Jahren versucht, der Kirche neues Leben einzuhauchen. Zusammen mit der jungen Gemeinde befreite er den kleinen Sakralbau von Flieder- und Holunderbüschen und machte ihn so wieder sichtbar. Gleichzeitig reparierten sie die zuvor mit Brettern vernagelten Fenster, säuberten die Kirche und ölten die Holzbänke. Doch ins neu eröffnete Gotteshaus kamen nur vereinzelt Leute aus Federow. Die Gemeinde hatte zu wenig Mitglieder, und diese gingen aus Gewohnheit in die Kirche des Nachbarortes. Die Lage schien aussichtslos, bis Jens Franke mit der rettenden Idee für eine neue Nutzung kam. Warum soll das Gebäude an so herausgehobener Stelle am Eingang zum Müritz Nationalpark nicht anderweitig zu nutzen sein, fragte er sich damals. Franke erinnerte sich an ein ähnliches Angebot in Berlin, wo seit einigen Jahren unter dem Motto „Hörspielkino unterm Sternenhimmel“ in Planetarien sehr erfolgreich Hörspiele aufgeführt werden. Aber was in Berlin funktionieren mag, muss noch lange nicht in einem mecklenburgischen Dorf klappen. Als der Pastor mit der Idee einer Hörspielkirche in seine Gemeinde ging, gab es viel Zustimmung.

Auf Anhieb mutet die Idee einer Hörspielkirche ungewöhnlich an, aber auf den zweiten Blick ist der Gedanke naheliegend. Auf Kirchenbänken wurde immer schon Geschichten gelauscht. Die biblische Tradition hat ihre Wurzeln in einer starken Erzählkultur. Zudem geht es in den Hörspielen häufig um Fragen des Menschseins, und das sind auch immer biblische Themen. Ein anderer wichtiger Aspekt, der zum Erfolg der Idee führte, ist die in den letzten Jahren immer größere Beliebtheit von Hörspielen. Zuzuhören scheint fast reizvoller geworden zu sein, als selbst zu lesen.

2008 startet die vierte Hörspielsaison

Partner für das Projekt hatte man schnell gewonnen: Mehrere öffentlich-rechtliche Rundfunksender und Verlage waren bereit, das Projekt mit Hörspielproduktionen und Büchern aus den eigenen Archiven zu unterstützen. Für die dringende Sanierung der Kirche gab es Geld aus einem EU-Förderprogramm und zahlreiche Spenden, sodass der Dachstuhl und die Außenfassade instand gesetzt werden und die alten, blinden Kirchenfenster eine neue Farbverglasung erhalten konnten. Außerdem wurde die Kirche mit einer modernen Medienausstattung versehen. Die Touristen sind begeistert. Ein Besucher bemerkt: „Die Atmosphäre ist schön, auch die Akustik, einwandfrei! Wenn eine Kirche so noch genutzt werden kann, wenn sie vorher als Ruine nur da war, dann ist das gut.“ Auch die Dorfbewohner fühlen sich mit dem neuen Nutzungskonzept wohl: „Das ist wieder so ein Punkt, wo die Touristen und die Einheimischen sich treffen können. Gute Idee! Ist eben einfach mal ein bisschen Kultur. Wo liest man sich sonst von Fontane den Birnbaum durch? Man hat zugehört!“

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland 2008