Lesereise durchs Ruppiner Land

Geschrieben von Christin Meißner, Jürgen Rammelt

 

Am Neuruppiner Bollwerk ragt der Parzival am See, eine 17 Meter hohe Stahlskulptur, in die Höhe.  Sie wurde 1998 anlässlich der Verleihung des Namens „Fontanestadt“ enthüllt.

In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschreibt Theodor Fontane die großen und kleinen Sehenswürdigkeiten zwischen Rheinsberg und Wustrau.

Es ist Sommer in der schottischen Grafschaft Kinross. Behäbig, fast wellenlos, liegt der dunkelblaue Leven-See in der Landschaft. Mitten auf dem Wasser treibt ein Boot, darin ein Mann. Er rudert und nähert sich langsam einer Insel, die mitten aus dem See herausragt. Eschen und Tannen säumen das Ufer, saftiger grüner Rasen bedeckt eine kleine Anhöhe. Darauf, halb hinter Bäumen versteckt, erhebt sich ein Schloss aus grauen Feldsteinen, mit verzierten Türmen und kleinen Schießscharten. Ein typisch schottisches Bild. Doch der Mann im Boot empfindet anders, für ihn ist der Anblick wie eine Fata Morgana. Theodor Fontane, der Ruderer, fühlt sich an seine Heimat erinnert und wähnt gar das Schloss Rheinsberg vor sich – für ihn ein „unvergessener Tag“.

Die Heimat ist auch „nicht so übel“

Diese Erfahrung im August 1858 war es, die Fontane zu seinem wohl berühmtesten und umfangreichsten Werk, den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, inspirierte. „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen“, schreibt er im Vorwort. Und Fontane war viel in der Fremde: Als gelernter Apotheker lebte er in Leipzig, Dresden und Berlin; arbeitete von 1855 bis 1859 für die preußische „Zentralstelle für Presseangelegenheiten“ in London.
Zum Wandersmann und Vollzeitschriftsteller wurde Fontane aber erst mit 40 Jahren, nachdem er den Apothekerberuf endgültig aufgegeben hatte. Er wolle seinen „Landsleuten zeigen, daß es in ihrer nächsten Nähe auch nicht so übel sei“ – auf diese Weise beschreibt Fontane in einem Brief an seinen Freund Wilhelm Hertz die Hauptintention seiner „Wanderungen“. Und so durchstreifte er von 1859 bis 1889 immer wieder das Ruppiner Land, die Landstriche entlang von Oder, Spree und Havel und hielt seine Eindrücke in insgesamt fünf Bänden und auf nahezu 2.500 Seiten fest.
Obwohl im 19. Jahrhundert das Interesse an fremden Ländern groß war, die Reiseliteratur boomte, es einen Alexander von Humboldt nach Zentralasien oder einen Fürst Pückler nach Ägypten zog, verortete Fontane das Erzählenswerte, die Kostbarkeiten der Landschaft und Kultur nicht unbedingt jenseits der markbrandenburgischen Grenzen. Auch hier gebe es „historische Städte, alte Schlösser, schöne Seen“ – die Heimat sei „nicht minder schön“, davon war er überzeugt und wird somit zum Vertreter der aufkeimenden Heimatbewegung.

Fontane, der Sammler

Als schnöden Reiseberichterstatter betrachtete Fontane sich allerdings nicht, sondern vielmehr als echten „Wanderer“, der sich die Gegend zu Fuß, teilweise auch mit dem Boot oder der Kutsche erschloss. „In den ‚Wanderungen‘ wird wirklich gewandert, […] immer bin ich unterwegs, immer in Bewegung und am liebsten ohne vorgeschriebene Marschroute, ganz nach Lust und Laune“, so beschreibt er seinen Reisestil im Vorwort des fünften Bandes. Der Literaturhistoriker Gotthard Erler sieht in dieser Form des Reisens und der darauf aufbauenden literarischen Umsetzung dann auch den Unterschied zwischen Fontanes Werk und der damals gängigen Reiseliteratur. Nämlich: keine trockene, sachliche Systematik wie in den Baedeker Reiseführern und keine übermäßige Gelehrsamkeit wie bei so manchem Forschungsreisenden.
Dabei war es vor allem das Ruppiner Land, das Fontane zeitlebens nie ganz losließ. „Ein Reichtum ist mir entgegengetreten, dem gegenüber ich das bestimmte Gefühl habe, seiner niemals auch nur annähernd Herr werden zu können“, mit diesen Worten erklärt er die Liebe an seine Heimatregion. Folglich widmete sich Fontane, parallel zur Arbeit an anderen literarischen Werken, immer wieder der „Grafschaft Ruppin“, dem 1862 erschienenen ersten Band. Immer wieder ergänzte er ihn, sodass bis zwei Jahre vor seinem Tod insgesamt sechs Auflagen veröffentlicht werden.
Dabei geht Fontane wie ein Sammler vor, dessen Maßstab für das Erwähnenswerte jedoch nicht die Bedeutsamkeit oder Schönheit ist. Vielmehr „sorglos“ habe er gesammelt, „wie ein Spaziergänger, der einzelne Ähren aus der reichen Ernte zieht.“ Stadt- und Gebäudebeschreibungen, Sagen und Anekdoten, Begegnungen mit den „einfachen Menschen“, Geschichten um den märkischen Adel, „große“ und „kleine“ Sehenswürdigkeiten – all dies fügt er mosaikartig zusammen.

Neuruppin und Rheinsberg 

Fontane nimmt den Leser unter anderem mit in seine Geburtsstadt Neuruppin, wo er auf einem Rundgang versucht, in seinen „dünnsohligen Stiefeln“ dem märkischen „Pflaster zu trotzen“. Obwohl er die Lage als schön bezeichnet, hat Fontane mit der großzügigen Bauweise Neuruppins nach dem Brand von 1787 so seine Probleme: Zu provinziell sei die Stadt für breite Straßen oder stattliche Plätze und gleiche daher eher „einem auf Auswuchs gemachten Staatsrock, in den […] der Betreffende […] nie hineinwachsen kann.“ Orte, die heute an Fontane erinnern, sind vor allem das Museum Neuruppin und sein Geburtshaus in der Karl-Marx-Straße 84. Schon als Siebenjähriger musste er dieses verlassen, da sein Vater aufgrund von Spielschulden seine Apotheke, die sich übrigens immer noch im Erdgeschoss befindet, aufgeben musste und mit der Familie nach Swinemünde zog.

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