Platzecks Potsdam: Stadtspaziergang an der Havel

Geschrieben von Robert Tremmel

 

Matthias Platzeck vor dem Hans-Otto-Theater in Potsdam.

Foto: Robert Tremmel

Es muss nicht immer Sanssouci sein. Brandenburgs Ministerpräsident zeigt, dass seine Heimatstadt reich an Sehenswertem ist. Sein Tipp: ein Spaziergang durch Potsdams Norden.

Das einzige, was zur Mittagsstunde an diesem Tag im Februar klirrt, ist die Kälte. Der Schnee schluckt sonst alle Geräusche. Treffpunkt mit Matthias Platzeck ist der markante Neubau des Hans-Otto-Theaters. Dessen knallrotes Dach mit dreifacher Hutkrempe guckt wie ein extravagantes Rotkäppchen aus dem Weiß des Havelufers. Die Dachschalen und die Lage am Wasser erinnern an das Opernhaus von Sydney. Nur der Sommer scheint an dem grauen Wintertag so weit weg wie Australien.

Mit dem Ruderboot ums Gaswerk

„Ist doch ein herrlicher Tag für eine Stadterkundung“, grüßt der Ministerpräsident mit zupackendem Händedruck. Dann nimmt er den Stadtplan und einen Stift. Die sollen für die kommende halbe Stunde seine Werkzeuge sein. Im Theaterlokal kennzeichnet er mit Kringeln Station für Station auf der Faltkarte: Platzecks Tour durch Potsdam. „Schloss und Park Sanssouci sind wirklich ein Muss, aber heute führe ich lieber zu ein paar Orten, die außerhalb Potsdams noch nicht ganz so bekannt sind“, erläutert Platzeck sein Vorgehen. Einiges erschließt sich vom Hans-Otto-Theater aus auch mit dem bloßen Auge. „Gleich da drüben“, zeigt Platzeck auf eine Häuserreihe am Wasser, „steht mein Elternhaus. Da habe ich 18 Jahre gewohnt.“ Die Havel verbreitert sich an dieser Stelle auf 600 Meter zum Tiefen See. Es ist ein idyllischer Flecken, an dem in der warmen Jahreszeit Ausflugsdampfer, Segler und Hausboote vorbeiziehen. Zahlreiche Gastliegeplätze warten längs der Potsdamer Gewässer. Auf der anderen Uferseite sieht man das Kleine Schloss unter dem bewaldeten Hügel des Park Babelsberg. „Als Kind bin ich oft mit meinen Geschwistern auf den See gerudert. Aber der Landvorsprung, wo seit 2006 das Hans-Otto-Theater steht, war damals gesperrt. Dort arbeitete das Gaswerk. Die permanente Geräusch- und Geruchskulisse habe ich bis heute nicht vergessen“, sagt Platzeck mit Blick auf den See seiner Kindheit.

Traumort Schiffbauergasse

Im Bewusstsein der Potsdamer sei der Ort lange nicht existent gewesen, erklärt Platzeck. Erst Anfang der 90er Jahre wandelte sich die Industrie- und Kasernenbrache Schiffbauergasse zum kulturellen Veranstaltungs- und Partyareal. Eine ganze Generation sei hier sozialisiert worden, berichtet Platzeck, selbst Vater von drei Töchtern Ende 20, und fügt schmunzelnd hinzu: „Wenn ich damals meine Kinder gesucht habe, dann hier.“
Als Platzeck 1998 Potsdamer Oberbürgermeister wurde, diskutierte man gerade den Standort des Hans-Otto-Theaters. Wohin mit der Umsetzung der Pläne von Pritzker-Preisträger Gottfried Böhm? Stadtoberhaupt Platzeck hätte den einzigen deutschen Theaterneubau der vergangenen Jahre nur ungern in der Innenstadt versteckt gesehen. Mit knapper Mehrheit entschied das Stadtparlament, das Bauvorhaben am Wasser zu realisieren. Heute ist Platzeck mehr denn je von diesem „Traumort“, wie er ihn nennt, begeistert.

Brücke der Einheit

Den nächsten Kringel setzt Platzeck etwa einen Kilometer die Havel stromaufwärts: die berühmte Glienicker Brücke. Bekannt ist sie als Verbindung zwischen Potsdam und Westberlin, auf der Sowjets und Amerikaner Agenten tauschten. „Delikaterweise hieß sie zu DDR-Zeiten ‚Brücke der Einheit‘“, lächelt Platzeck. Für ihn sei die Brücke­ mit seltsamen und glücklichen Gefühlen verbunden. „Seltsam, weil ich an der Brücke groß wurde, ohne zu wissen, was auf der anderen Seite ist.“ Als er dann über das Bauwerk nach Westberlin gefahren sei, ergriff ihn ein Glücksgefühl bis tief ins Innerste. „Am 9. November 1989 wurde uns hier nachts noch bedeutet: ‚Diese Brücke bleibt dicht, für immer und ewig!‘ Was damals ‚für immer und ewig‘ bedeutete, haben wir einen Tag später gesehen. Um 18 Uhr war die Grenze offen“, erinnert sich Platzeck.
Unwillkürlich setzt sein Filzstift den nächsten Kreis in der Nähe: Schloss Cecilienhof. Hier fanden im Sommer 1945 die Verhandlungen zwischen Stalin, Truman und Churchill zum Potsdamer Abkommen statt und trugen dazu bei, dass die Grenze gleich hinter dem Gartenzaun von Cecilienhof gezogen wurde. Heute besteht in dem sehenswerten Schloss eine Gedenkstätte zur Potsdamer Konferenz.

Der Anfang am Pfingstberg

Ein kurzes Stück weiter steigt man über zahlreiche Treppenstufen zum Belvedere­ auf dem Pfingstberg. Friedrich Wilhelm IV. ließ es 1863 nach italienischem Geschmack auf die höchste Erhebung Potsdams setzen. Von hier schaut man weit nach Berlin, aber auch auf das sogenannte KGB-Städtchen, wo der Geheimdienst vor 1990 stationiert war. Ringsherum lagen die Kasernen der Roten Armee. „Solche Ausblicke waren unerwünscht und deshalb ließ man das Belvedere verfallen, absperren und den Park verwildern“, beschreibt Platzeck den Zustand bis Ende der 80er. In der AG Pfingstberg, die seit 1987 mit Arbeitseinsätzen gegen den Verfall vorrückte, begann Platzecks öffentliches Engagement. Das Aufräumen des Parks sei ihm bald ein bisschen zu unpolitisch gewesen, sagt Platzeck. Er beteiligte sich auch an anderen Bürgerinitiativen, vor allem für den Umweltschutz und gegen den Flächenabriss der barocken Altstadt. Die Dynamik der friedlichen Revolution brachte ihn als Vertreter der Grünen Liga an den Runden Tisch und in das Übergangskabinett. In der ersten Landesregierung Brandenburgs wurde er noch im gleichen Jahr Umweltminister. Der blieb er, bis ihn die Potsdamer 1998 zu ihrem Bürgermeister wählten. Aus der AG Pfingstberg entwickelte sich ein Verein, der heute das Belvedere betreibt. Durch private Millionenspenden erstrahlt es seit 2003 wieder im einstigen preußischen Glanz.

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