IBA, Großräschen, Ilse-See: Vom Höllenschlund ins Winnetou-Land

Geschrieben von Luisa Bergander

Günter Kalliske aus Großräschen führt die Wandertruppe zu den bizarren Blickfängen der unwirklichen Landschaft. Foto: Luisa Bergander/textgrafikwerkstatt.de

Foto: Luisa Bergander/textgrafikwerkstatt.de

Als „Reise zum Mars“ werden in Großräschen Tagebauwanderungen angeboten, die durch spektakuläre Schluchten und wüste Einsamkeit führen. Abenteuerlustige müssen sich beeilen, denn die Lausitzer Canyons werden unter Wasser gesetzt.

Unwirklich skurril zeigen sich Canyons, Schluchten und – ein Schnatterinchen. Nein, hier ist man nicht auf Weltreise. Auch nicht im Disneyland. Es geht auf Schusters Rappen auf eine Exkursion in die Lausitz – eine Region im Wandel.

„Glück Auf!“ schallt es unter dem Rauschebart von Günter Kalliske hervor. Der 58-Jährige ist einer der Tourführer bei der Internationalen Bauausstellung (IBA) „Fürst-Pückler-Land“. „Willkommen in einer einmaligen Region!“, beginnt er. Er spricht über den einst die Region allgegenwärtig bestimmenden Braunkohlentagebau. Er spricht über die Zeit nach 1990, die auf einen Schlag 80 Prozent der Braunkohleproduktion überflüssig machte. Der Großräschener erzählt von Rekultivierung und Umgestaltung, die durch die seit 2000 ansässige IBA angeregt und begleitet wird. Grundlagenwissen, um zu verstehen, was hier im Lausitzer Seenland passiert. Startpunkt sind die IBA-Terrassen in Großräschen, am einstigen Tagebau Meuro und dem künftigen Ufer des Ilse-Sees. Vor der Wandergruppe liegt über der sandigen Grube eine weiße Front aus Nebel. Eine Brücke führt in Nichts. Nicht ganz ins Nichts – hier wird im Jahr 2015 das Wasser des Sees an die Ufer schwappen und mit einer Wassertiefe von 50 Metern und einer Wasserfläche von 771 Hektar Wasserfläche ein kleiner Teil der Lausitzer Seenkette entstanden sein.

Auf geht’s. Schon nach den ersten Schritten wird klar, warum über das Tragen von festen Schuhen belehrt wurde. Jeder Schritt will beim Abstieg vorsichtig gesetzt sein, hinunter in eine ganz andere Welt. Um die Wandergruppe herum nur einsame Weite, übersäuerter, dunkler Boden und eine leichte Schwefelnote.

Im Wandel der Wasser

Doch dann tut sich der Himmel etwas auf: Durch den Dunst ist eine Art Klippe zu erspähen. Kuriose Gebilde aus schwarzer Erde steigen wie Skulpturen aus der Tiefe hervor. „Folgen Sie mir in den Schlund der Hölle“, witzelt Vorläufer Kalliske. „Manchmal weiß ich selbst nicht so recht, ob ich hier richtig bin. Allein diese Ausspülung hat sich erst in den letzten Monaten gebildet. Hier ist alles in Bewegung.“ Landschaft im Wandel eben. Auf den Spuren der jüngsten Veränderungen führt die Wüstenwanderung durch enge, verwinkelte Wege zwischen meterhohen Schluchten. Schichten der Wände links und rechts sind zu bewundern und dann heißt es Lachen. Lachen über Kalliskes Schnatterinchen. Tatsächlich: Eine der durch Auswaschung entstandenen Erdskulpturen sieht aus wie die berühmte Ente aus dem DDR-Kinderfernsehen. „Da vorn steht sogar ein Männchen! Mit dickem Bauch und Hut. Schauen Sie doch!“ Die Wandergesellen schauen und staunen. Kein Bühnenbildner hätte sich eine bessere Kulisse für einen Weltraum- oder auch Westernfilm ausdenken können. Ein paar Meter weiter erinnern die Formen und Schichten an amerikanische Canyons im Miniformat. Alles wartet darauf, dass Winnetou um die Ecke geritten kommt, und Günter Kalliske bringt es auf den Punkt: „Was soll ich in Colorado? — Mein Kohlerado ist hier!“

Zeit für Plaudereien. „Vor drei Jahren habe ich von dieser Region gelesen und meinte sofort zu meinem Mann: ‚Da müssen wir hin!‘ Ich hatte aber noch gar keine Vorstellung, wie es hier aussieht, und dachte, alles geht viel schneller. Ich bin richtig überrascht über diese Landschaft“, schwärmt Renate Richter aus Dresden.

Unter der Wasseroberfläche

Nach zwei Stunden Wanderung sichtet der Trupp Wasser. Am tiefsten Punkt der Tagebaugrube hat sich seit dem Flutungsbeginn im März 2007 schon ein nicht zu verachtender See gebildet. „Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich gerade zehn Meter unter der Wasseroberfläche! Und 30 Meter über Ihnen stand einmal Großräschen-Süd.“ Alles schaut nach oben. Gemurmel in der Gruppe: „Das muss ich mir 2015 noch mal ansehen.“ Aus der Ferne verlangt eine weitere Attraktion der Lausitz nach Aufmerksamkeit. „Ach hören Sie mal! Das ist der Lausitzring!“

Die reguläre Führung nähert sich dem Ende, doch die Gruppe hat Zeit, will mehr sehen: Hier und da werden Kohlereste und von der Elbe rund gewaschene Kiesel aufgehoben. Gerade die Dresdner können es kaum glauben. Vor geraumer Zeit floss die Elbe dort, wo sie jetzt unter der Brücke ins Nichts wandeln. Auch diese Brücke hat eine Geschichte. Ihre Vergangenheit als Abraumbandanlage eines Tagebaubaggers sieht man ihr mit etwas Fantasie noch an, und auch ihre Zukunft als Seebrücke kann man sich gut vorstellen.

Seenkette im Überblick

Der letzte Höhepunkt der Tour soll einen Überblick über das große Ganze geben. Die Victoriahöhe wird erklommen, unter der die Ruinen der Brikettfabrik „Victoria“ schlummern. Auf einmal kitzeln Sonnenstrahlen. „„Habe ich es Ihnen nicht versprochen?““, freut sich Führer Kalliske, der nun zur „Arche“ des Architekten Wolfgang Joswig hinüber leitet, die ebenfalls erklettert werden kann. Von der Aussichtsplattform bietet sich ein unglaublicher Blick auf den künftigen Ilse-See. In allen Himmelsrichtungen eine Sehenswürdigkeit: Hier der Partwitzer See, da der Lausitzring, dort eine Allee der Steine und das alte Kohlekraftwerk „Sonne“. Heute wird dort aus Haushaltsrückständen umweltverträglich Strom erzeugt.

Wiederkommen lohnt sich

„Oh und Ah.“ Jeder sieht das entstehende Freizeitparadies vor dem inneren Auge und sehnt die Fertigstellung herbei. Einen gelungeneren Abschluss hätte sich keiner vorstellen können. Sonnenschein, klarer Blick, Naturschönheit der ganz eigenen Art. Die Gruppe ist sich einig: „Wir kommen wieder!“ Sie sind neugierig geworden auf die Region im Wandel – das Lausitzer Seenland.

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland Leipzig & Lausitz 2009