Segeln auf der Müritz

Geschrieben von Jan Peterson

An Bord der „Struppi“ genießen wir den Abend in einer ruhigen Bucht der Müritz.

Die Müritz ist ein ideales Revier für eine Auszeit zwischendurch: abwechslungsreich, beste Wasserqualität und gut erreichbar. Genug Gründe für mich, ein Boot für eine Woche an der Müritz zu chartern.

Manchmal brauche ich einfach eine Auszeit. Nach anstrengenden Tagen unter Hochspannung hat man wenig Lust, nur am Strand zu liegen oder ein Buch nach dem anderen im heimischen Wohnzimmer zu verschlingen. Ich für meinen Teil habe dafür die perfekte Erholung entdeckt: das Segeln. Der Geist bleibt frisch, der Körper kommt gemäßigt in Bewegung, und ich bin in bester Gesellschaft mit meiner Mannschaft und den Elementen.

Die Müritz ist ein ideales Revier für eine Auszeit zwischendurch: abwechslungsreich, beste Wasserqualität und gut erreichbar. Genug Gründe für mich, ein Boot für eine Woche an der Müritz zu chartern. Was heißt da „ein Boot“. Nicht irgendeines – wenn schon, denn schon – sollte es eines der größten auf der Müritz sein: Die Bavaria 33 Cruiser, stolze 10,58 Meter Länge und mit einem denkwürdigen Tiefgang von 1,50 Meter. Das am 15 Meter hohen Mast gespannte Tuch bietet 64,1 Quadratmeter Segelfläche am Wind auf. Rollreffgenua und Rollgroß erleichtern die Arbeit an Bord.

Geschichten rund um Rechlin

Die moderne Fahrtenyacht mit Namen „Struppi“ übernehmen wir in der Marina Müritz von Yachtcharter Logisch, der mit zwölf Segelyachten und weiteren Motorbooten vor Ort ist. Die Einweisung erfolgt unkompliziert und versiert. Thorsten Guttzeit, der Inhaber selbst, zeigt uns alles und steht für jegliche Fragen zur Verfügung. Das Schiff ist in einem sehr gepflegten Zustand. Schon male ich mir aus, wie eine lange Schramme am Rumpf von unserer kleinen Auszeit den nachfolgenden Seglern verkündet: Hier waren zwei Anfänger an Bord. Wir werden alles daran setzen, das zu vermeiden.

Die Marina Müritz am Claassee liegt am südöstlichen Ufer der Müritz im Ortsteil Rechlin-Nord. Nur durch einen 170 Meter langen Stichkanal mit der Müritz verbunden, ist sie bestens vor Wind und Schwell aus allen Richtungen geschützt. Die große Anlage verfügt über mehrere Schwimmstege, die landseitig an eine moderne Infrastruktur anbinden. Auf dem Gelände der Marina Müritz befindet sich der Hauptsitz des Charterunternehmens Kuhnle Tours mit dazugehöriger Werft, das Restaurant „Captain’s Inn“ sowie der angrenzende Ferienpark Müritz, dessen Panoramaturm von weitem sichtbar ist. Nur wenige Schritte von unserem Liegeplatz entfernt informiert das Luftfahrtechnische Museum Rechlin über die Geschichte Rechlins als Erprobungsstelle der Luftwaffe seit 1918 sowie der spannenden Nachkriegsgeschichte der Anlage als Schiffswerft und Stützpunkt der Roten Armee/GUS (bis 1993) sowie der NVA bis 1990. Heute betreibt die Bundeswehr noch Teile des angrenzenden Geländes als Lager- und Archivstätte. Die Nutzung der Sanitäranlagen sowie des Stromanschlusses am Steg erfolgt in der Marina über Chipkarten, die im Büro des Hafenmeisters aufgeladen werden.

Übung macht den Meister

Schnell lernen wir, dass das Segeln auf der Müritz eine entspannte Sache ist. Unseren hohen Mast können wir nicht legen, und so stehen einige natürliche Begrenzungen unserer Abenteuerlust entgegen. Brücken und Stromleitungen versperren die Fahrt in Gewässer abseits der Müritz, und der Tiefgang unserer Yacht lässt die Anzahl der ansteuerbaren Häfen auf eine Handvoll sinken. In diesem Fall empfinden wir es als schön, dass äußere Faktoren die Wahl einschränken und wir nicht Opfer unserer Neigung werden, nichts verpassen zu wollen. Zumal man auf den aktuellen Wasserstand der Müritz sowieso keinen Einfluss nehmen kann, und über 117 Quadratkilometer Wasserfläche wollen auch erst einmal erkundet werden. Die Müritz ist der größte Binnensee innerhalb der Grenzen Deutschlands. Ihre maximale Tiefe beträgt 33 Meter, im Durchschnitt jedoch nur sechs Meter. Die Nord-Süd-Ausdehnung erreicht 29 Kilometer und die größte Ost-West-Ausdehnung 13 Kilometer. Die mittlere Höhe des Seespiegels liegt bei 62,5 Meter über Normalnull.

Ausgestattet mit guten Wasserkarten wagen wir uns auf einen kleinen, ersten Schlag zum Yachthafen Rechlin an der Kleinen Müritz, keine fünfeinhalb Kilometer Fahrstrecke entfernt. Vorsichtig motoren wir aus dem geschützten Hafen. Wir nehmen zuerst Kurs auf die freie Müritz. Kein anderes Schiff weit und breit. Es ist ruhiges Wetter. Der Wind weht mäßig mit zwei bis drei Beaufort. Schönes Übungswetter, beschließen wir. Wir drehen in den Wind und setzen die Segel. Anfangs noch zaghaft, doch dann beherzt. Kurs gesetzt, Motor aus, und unsere „Struppi“ nimmt Fahrt auf. Ein erhebendes Gefühl! Doch bevor zuviel Übermut aufkommt, nutzen wir die freie Wasserfläche und üben Manöver: Wenden, Halsen, Beidrehen. ,,Struppi“ ist ein gutmütiges Schiff. Mit den Tauen, Winschen und Fallenstopper freunden wir uns zügig an. Wir wechseln uns am Ruder ab, sodass jeder die Farbbedeutung der einzelnen Taue kennenlernt und Sicherheit durch Übung gewinnt. Ein tolles Gefühl, das Boot unter Kontrolle zu haben und die Kraft der Elemente zu nutzen.

Die Zeit vergeht wie im Flug, und wir legen am Außensteg des Yachthafens Rechlin an. Der große Quersteg ist leer, und wir können ohne Hektik unter Motor längsseits anlegen. Wir decken uns am Kiosk mit Zeitschriften ein und bunkern die letzten Vorräte aus dem nahen Supermarkt. Nach einer Dreiviertelstunde ist alles im Boot verstaut, und wir genießen einen Kaffee auf der Terrasse des Ferienzentrums Rechlin. Noch bevor die Dämmerung einbricht, starten wir wieder zurück zur Marina Müritz. Den Abend lassen wir bei Lagerfeuer und frisch Gegrilltem am Ufer der Müritz ausklingen. Das Hafenrestaurant sorgt für Brennholz, Sitzbänke am Ufer und die kulinarische Bewirtung.

Gastfreundschaft beim Röbeler Segler-Verein

Für den zweiten Tag entscheiden wir uns für einen kurzen Schlag nach Röbel, der zweitgrößten Stadt am Ufer der Müritz. Schon bei der Überfahrt nach Röbel wimmelt es nur so von Booten. Eine kleine Regatta findet auf der Müritz statt, und etliche junge Segler kämpfen um die beste Platzierung. Wir legen beim traditionsreichen Röbeler Segler-Verein Müritz an, der zu einem der größten Vereine in der Müritz-Region gehört. Der Verein verfügt über eine moderne Schwimmsteganlage und ein schönes Vereinsgelände. Gastlieger erhalten einen kleinen Elektrochip, mit dem sie Zutritt zum Sanitärtrakt erhalten. Auch von Wohnmobilsten wird das weitläufige Gelände gern genutzt. Morgens macht eigens eine kleine Backstube mit Brötchen- und Zeitungsservice für einige Stunden auf. Solch einen Service wünsche ich mir überall. Auf der Terrasse des Restaurants „Seglerheim“, direkt an der Stadtpromenade von Röbel, nehmen wir unser Mittagessen ein und genießen den Blick über den Hafen. Den Rest des Tages erkunden wir die kleine Stadt, fachsimplen mit anderen Seglern im Hafen und lassen den Tag vorbeiziehen. Die Nacht wird in Röbel verbracht.

Laissez-faire an Bord

Die nächsten Tage sind geprägt von entspannter Ruhe. Wir machen es unseren Bootsnachbarn gleich: Segeln und das Leben genießen. Abends kehren wir meist in unseren Hafen am Claassee zurück, nehmen unser Essen im „Captain’s Inn“ bei Kai-Peter Balken ein oder versuchen in unserer Kombüse Eigenkreationen. Der längste Segeltörn führt uns bis nach Waren, am anderen Ende der Müritz. Der Luftkurort Waren (Müritz) ist das kulturelle und ökonomische Zentrum der Müritz-Region. Sein schöner Stadthafen wird von Restaurants gesäumt, die sofort Urlaubsgefühle wecken. Vom Nebensteg wehen Melodien eines Schifferklaviers herüber, und die bunten Sonnenschirme und Wimpel der Restaurant wiegen sich im Wind. Im Stadthafen fühlt man sich als Gast willkommen. Nur wenige Schritte sind es zum Marktplatz und der Fußgängerzone mit ihren restaurierten Häusern. Gerade in der Hauptsaison sollte der Hafen in Waren nicht zu spät angelaufen werden, da dies ein sehr begehrter Liegeplatz ist und die Kapazitäten begrenzt sind. Da Waren ein Kurort ist, wird auch von Gastliegern pro Besatzungsmitglied die Kurabgabe im Hafenbüro fällig.

Stadthafen Waren

Die „Struppi“ findet einen guten Platz am stadtnahen Innensteg. Nach dem Anleger reihen wir uns in die Beobachtungsstellung der anderen Bootsbesetzungen ein: Ein Hafen ist immer Sehen und Gesehen-werden. Besonders spannend ist es, andere Skipper bei ihren Anlegemanövern zu beobachten. Aber eben auch im Falle eines Falles seine hilfreiche Hand anzubieten. Beim Umherschweifen unserer Blicke fällt uns ein Einhandsegler auf, der mit seiner kleinen Jolle scheinbar wahllos durch den Hafen schippert. Und das auch noch mit stehender Fock. Entweder der hat sein Schiff gut im Griff, oder er ist übermütig geworden, denken wir bei uns. Dreimal, viermal dreht er seine Runden und landet dann gekonnt mit einem Aufschießer in einer Box, Chapeau! In Waren steht die Besichtigung des Naturerlebnishauses Müritzeum an. In diesem „Haus der tausend Seen“ erfahren wir Wissenswertes über Deutschlands wasserreichste Landschaft. Das Haus ist auf jeden Fall einen Besuch wert und beeindruckt schon von außen durch seine besondere architektonische Gestaltung. Im Gebäude selbst locken ein riesiges Aquarium und Ausstellung zum Mitmachen und Ausprobieren – am ehesten vergleichbar mit einem Nationalparkzentrum. Im Sommergarten des Fischrestaurants „Altes Reusenhus“ in der Schulstraße 7 lassen wir den Tag bei einem frischem Hecht und einem kühlen Lübzer Pils ausklingen. Im Waschraum des Hafens herrscht früh am Morgen schon mächtig Betrieb. Von wegen lange ausschlafen. Unter Freizeitschiffern scheint es das nicht zu geben. Aber kein Wunder. Hier gibt es so viel zu entdecken, das möchte niemand verschlafen. Im kleinen Bistro an der Müritzstraße, die längs am Hafen vorbeiführt, nehmen wir unser Frühstück ein: gut und günstig von einem kleinen Buffet.

Flaute auf dem Heimweg

Der Wind schläft ein und wir motoren zurück in den Hafen.

Nach ausgiebigem Frühstück steht die Tour zurück über die Müritz zum Claassee an. Doch die Winde stehen ungünstig. Haben wir auf dem Hinweg die Strecke in knapp drei Stunden bewältigt, dauert der Rückweg nun fast sechs Stunden. Der große Tiefgang unserer Yacht macht sich auf dem gewählten Kurs immer wieder bemerkbar. Beim ersten Anlauf möchten wir die Müritz parallel zu ihrem östlichen Ufer durchqueren und orientieren uns entlang der roten Tonnen. Laut unserer Wasserkarte sollte die Tiefe ausreichen, doch immer wieder ertönt der Tiefenalarm. Und das obgleich wir den betonnten Bereich nicht verlassen. Nach mehrmaligen Schrecksekunden und sofort eingeleiteten Wenden beschließen wir, unsere Route zu ändern und wechseln die Gewässerseite. Von nun an begleitet uns das Westufer der Müritz – hier ist das Wasser tiefer, und der Alarm bleibt aus. Drehende, unstetige Winde erschweren die Überfahrt, die Sonne brennt, und nur noch selten weht ein Lüftchen. Schließlich kapitulieren wir. Auf den letzten Metern bergen wir die Segel und motoren in den Heimathafen der „Struppi“. Am kleinen Seglersteg beim Hafenmeisterbüro entdecken wir unseren Einhandsegler wieder und grüßen ihn freundlich. „Motorschaden“, so lautet seine zugerufene Begründung für die Besegelung des Warener Hafens. Abends kommt Marc, der Einhandsegler, zu uns an Bord und es wird ein netter Abend.

Am Ende unserer Woche schläft der Wind vollends ein. Doch kein Grund für uns, Trübsaal zu blasen. Wir leihen uns im Ferienpark Müritz zwei Fahrräder und gehen auf Entdeckungstour in die Umgebung. Das Fahrgastschiff „MS Sonnenschein“ bringt uns von der Marina direkt nach Waren (Müritz). Dort schwingen wir uns auf die Räder und radeln auf dem Müritz-Radrundweg in Richtung Rechlin zurück. Unsere Zwischenstopps heißen Klink und Sietow Dorf, die wir aufgrund unseres Tiefgangs nicht per Boot anlaufen konnten. Ein toller und erlebnisreicher Ausflug.

Den letzten Tag motoren wir noch einmal auf die Müritz. Wir werfen unseren Anker in einer geschützten Bucht gleich neben der Marina und genießen den Tag an Bord: Schwimmen, Lesen, Sonnen. Nach der Woche Segeln sind wir willens für das volle Programm der klassischen Erholung. Auf der „Struppi“ sind wir ruhig genug geworden, um auch das Schmökern in einem guten Buch wieder zu genießen. Viel zu schnell geht die Woche an Bord der Bavaria zu Ende, und doch hat sie uns mehr Erholung gegeben als manche vierzehntägige Reise.

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