Potsdam: Von Sanssouci zum Obstanbau

Geschrieben von Martina Steinführer

 

Das Havelland ist das Gebiet zwischen Potsdam, Werder, Lehnin, der Stadt Brandenburg und der Gegend südlich von Nauen.

Aufgrund des sehr geringen Gefälles am Mittellauf der Havel und des angereicherten Wassers der Spree weitet sich der Fluss hier zu einer ganzen Kette von mehreren kleinen und größeren Seen aus: Jungfernsee, Tiefer See, Templiner See, Schwielowsee. Dabei bestimmt die Havel wesentlich das Stadtbild von Potsdam. Hinzu kommt, dass das Potsdamer Seengebiet in eine weltweit einmalige Kulturlandschaft eingebettet ist. Es ist ein landschaftliches Gesamtkunstwerk mit wunderbaren Gärten und Schlössern – ein architektonisches Konzept, bei dem die Gewässer eine zentrale Rolle spielen.

Peter Joseph Lenné verwirklichte mit Unterstützung Friedrich Wilhelms IV. 1833 seinen Verschönerungsplan der Umgebung von Potsdam. Er dachte sich die Havel als einen großen See, den es mit einem einzigen Park zu umgeben galt und verband die vielen älteren und neueren Schlösser, Kleinarchitekturen, Kirchen und Herrensitze in Potsdams Umgebung, sodass ein harmonisches Ganzes entstand. So liegen in der Lennéschen Kulturlandschaft zahlreiche Sehenswürdigkeiten in einem Kreis rund um Potsdam herum. Dieses landschaftliche Ensemble lässt sich besonders eindrucksvoll vom Wasser aus erleben und nicht selten hört man: Erst wer die Stadt auf einem Hausboot oder an Deck der Weißen Flotte gesehen hat, kann sagen, dass er Potsdam kennt.

Schlössertour

Zentraler Ausgangspunkt einer Wasser-Reise für Potsdam-Besucher ohne eigenen Kiel ist der Potsdamer Hafen, der sich an der Langen Brücke nah beim Hauptbahnhof befindet. Der Hafen ist jedoch nur die Anlegestelle der Weißen Flotte und darf von Sportbooten nicht als Liegeplatz genutzt werden. Von hier aus starten zahlreiche Rundfahrten, Tagesreisen oder romantische Abendfahrten auf Dampfern. Wer sich für die angebotene Schlössertour in Richtung Norden entscheidet, passiert zunächst die wiederaufgestellten Ringerkolonnaden von Knobelsdorff am Havelufer, die zusammen mit der einstigen Havelkolonnade das Verbindungselement zwischen ehemaligem Stadtschloss und Marstall darstellte.

Nach dem Durchfahren der Langen Brücke, die in früherer Zeit der einzige Havelübergang Potsdams war, gelangt man zur Freundschaftsinsel, gebildet durch den Schwemmsand der Nuthe, die hier in die Havel mündet. Zwei Havelarme, Alte und Neue Fahrt, umschließen die erst später künstlich vergrößerte Insel. Die Alte Fahrt ist etwa einen Kilometer lang, fünf Meter breit und erstreckt sich links neben der Freundschaftsinsel. Sie ist für Motorboote als Durchfahrt gesperrt, bietet jedoch bis zu zehn Sportbooten kostenlos einen Liegeplatz von 6 bis 22 Uhr an. Die fünf Meter breite und etwa 750 Meter lange Neue Fahrt rechts neben der Insel darf dagegen nur von Booten mit Motorantrieb befahren werden. Vorbei an der ehemaligen Heiliggeistkirche folgt die Wassertankstelle der Weißen Flotte Potsdam, die von April bis Oktober ebenfalls Dieselkraftstoff verkauft.

Etwas weiter, kurz hinter der Humboldtbrücke, befindet sich das Burchardi Wasser-Sport-Service-Zentrum zur weiteren Versorgung des eigenen Sportbootes. Der Yachthafen dient als Basis für das Charterunternehmen Connoisseur in den Potsdamer Gewässern. Auf der Weiterfahrt zum Tiefen See erstreckt sich rechter Hand der Babelsberger Schlosspark. Er ist nach Sanssouci und dem Neuen Garten der dritte und jüngste bedeutende Potsdamer Garten und war die bevorzugte Sommerresidenz Kaiser Wilhelms I. Im Gegensatz zum häufig überlaufenen Park Sanssouci bewahrt er seine Atmosphäre von Ruhe und Romantik weiterhin.

Die Glienicker Brücke - 166 Meter lang und Verbindung zwischen Berlin und Potsdam. Foto: Seenland/Martina Steinführer

Foto: Martina Steinführer

Der Park wird überragt von dem kastellartigen Flatowturm. Er ist einer der neugotischen Bauten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die sich scheinbar verstreut im Park befinden. Im Kleinen Schloss direkt am Tiefen See, einst Domizil des 99-Tage-Kaisers Friedrich III. und seiner Gattin Victoria, ist eine Gaststätte mit Sommerterrasse eingerichtet, die zum Verweilen einlädt. Der Landschaftsgarten erstreckt sich über mehrere Hügel. Auf einem befindet sich das im Stil der englischen Neugotik konzipierte Schloss Babelsberg. Von hier aus hat man einen wundervollen Blick über das Wasser zur Glienicker Brücke, hinter der sich der Jungfernsee als Grenze zwischen Berlin und Potsdam erstreckt. Sein Uferweg führt unmittelbar zur Sacrower Heilandskirche, die in die Havel hineingebaut wurde und sich über dem Wasser erhebt.

Hält man sich rechts vorbei am Volkspark Glienicke, gelangt man in den Großen Havelsee, in dem die Pfaueninsel mit ihrem bewusst als Ruine konzipierten weißen Schloss liegt. Die Pfaueninsel war der Lieblingsaufenthalt von Königin Luise und Friedrich Wilhelm III. Zusammen mit ihren Kindern verbrachte das Paar hier ganze Tage und genoss das bürgerlich-bescheidene Wohnen im kleinen Schloss. Mit dem eigenen Sportboot ist die Weiterfahrt nach Berlin möglich. Die Weiße Flotte kehrt zurück zu ihrem Heimathafen. Ein weiterer empfehlenswerter Ausflug führt zur kleinen, idyllischen Inselstadt Werder im Havelstrom. Vom Potsdamer Hafen aus geht es im südlichen Havelverlauf über den Templiner See, Schwielowsee und Glindowsee in Richtung Werder. Unterwegs bieten Anlegestellen die Möglichkeit, Landgänge zum Schlosspark Caputh oder nach Geltow zu unternehmen. Auf dem langgestreckten Schwielowsee sind weitere Ausflüge zum Park Petzow und Ferch möglich.

In Werder befindet sich die Anlegestelle der Weißen Flotte direkt im Zentrum an der Uferpromenade der historischen Altstadt. Da der Ort von vier Havelseen umgeben ist, vom Großen Zernsee, vom Plessower See und vom Glindowsee, an den sich der Schwielowsee anschließt, wurden die Anlegemöglichkeiten für Wassertouristen in den vergangenen Jahren erweitert. Bootsfahrer können am Yachthafen Ringel, wo die Charterfirma Heinzig ihren Sitz hat, oder im Hafen Porta Sophia, Sitz der Charterfirma Unruh Marine, mitten in der Blütenstadt Werder, festmachen. Ein weiterer Anleger für die Schifffahrt befindet sich an der Eisenbahnbrücke unweit vom Bahnhof.

Zentrum des Obstanbaus

In erster Linie ist Werder bekannt als das Zentrum des havelländischen Obstanbaus. Bereits auf der Pariser Weltausstellung 1900 erhielten Werderaner Obstanbauer einen Grand Prix für ihre Produkte. Der Grund dafür liegt im schnell erwärmbaren Sandboden und einem milden Klima; ideale Bedingungen für den Obstanbau mit unvergleichlichem Aroma. Ein Vergnügen mit über hundertjähriger Tradition ist das alljährlich um den 1. Mai stattfindende obstweinselige Baumblütenfest. Das zweitgrößte Volksfest in Deutschland zieht jährlich mehr als 500.000 Besucher nach Werder. In der gesamten Stadt stehen zahlreiche Bühnen, Karussels und Verkaufsstände, die den ganzen Tag über Unterhaltung für Groß und Klein bieten. Das Fest gilt den zahlreichen Obstweinen des Havellandes und war in früheren Zeiten die erste Einnahmequelle der Obstbauern nach dem langen Winter. Das seit 1879 stattfindende Fest hat sich seitdem zu einem großen Volksfest mit Gartenfesten, Grillfesten und Kinderfesten auf den Obsthöfen, in der Stadt und der näheren Umgebung entwickelt. Im Stadtzentrum und auf der Insel von Werder finden Konzerte und Veranstaltungen mit bekannten Musikern und Bands statt.

Aktuelle Termine und weitere Informationen zum Fest werden auf den Internetseiten www.baumbluetenfest.de und www.baumbluete.de veröffentlicht. Ein Besuch der zehntägigen Veranstaltung lohnt sich auf jeden Fall. Das Wahrzeichen des Inselortes ist die nach Plänen von August Stüler 1858 errichtete Kirche Zum Heiligen Geist, deren neugotischer Turm die Ortschaft überragt und schon von weitem sichtbar ist. Ebenfalls zur Stadtsilhouette Werders gehört die historische, vor wenigen Jahren rekonstruierte, Bockwindmühle. Enge Gassen mit holprigem Straßenpflaster führen durch eine romantische Altstadt bis zum Marktplatz, auf dem das alte Rathaus steht. Die Abendsonne scheint auf die Fischerstraße an der Uferpromenade, die von Möwengeschrei erfüllt ist. Das Museumsgaststübchen Kuddeldadeldu lädt zum Verweilen ein. Der Besucher befindet sich hier mitten in einer Galerie am Wasser. Unter den ausgestellten Werken finden sich Kuriositäten wie eine Obstbaumspritze aus dem Jahre 1926 oder ein aus den dreißiger Jahren stammendes Damenrad zwischen nostalgischen Kaffeekannen und voll beladenen Obstkarren. Bei einer zünftigen Fischsuppe lässt sich die scheinbar kleine Attraktion jeder Abendstunde miterleben: eine Fütterung der Wasservögel durch die Wirtin. Entspannt und vergnügt nehmen wir um 20 Uhr die Flotte zurück nach Potsdam.

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